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»Der nasse Fisch« wird zu »Babylon Berlin«: Wie ein Kriminalroman mit NS-Bezug zu einer international erfolgreichen Blockbuster-Serie umgebaut wurde …

 

Der Plot: authentischer NS-Schauer Made in Germany

 

True Crime liegt im Trend, wahre Kriminalfälle sind schauriger als alles, was die Fantasie von Autoren so hergibt. Und braune SA-Uniformen können nun einmal nirgendwo so authentisch getragen werden wie in Berlin, auch wenn die »Berliner Straße«, die wir in der Serie zu sehen bekommen, in Wahrheit nur eine Kulisse im Filmstudio Babelsberg ist. Dem veritablen NS-Schauer tut dies jedoch keinen Abbruch, immerhin liegt Potsdam nicht weit von Berlin entfernt. In den ersten Staffeln sind die Hakenkreuze selten. Den Leitlinien der Horrorfilm-Dramaturgie folgend, verschießen die Produzenten ihr Pulver nicht zu früh. Das Berlin der späten 20er-Jahre bildet auch die Kulisse des Kriminalromans »Der nasse Fisch«.

 

Ein paar Worte zum Plot in Buch und Film: militante russische Exil-Oppositionelle haben Gold nach Berlin geschmuggelt. Es weckt Begehrlichkeiten bei der Schwarzen Reichswehr und in der halbseidenen Verbrecherwelt des Ringvereins Berolina. Im Film mähen Mitarbeiter der russische Botschaft in bester Actionfilm-Manier mit dem Maschinengewehr die Oppositionellen nieder, im Buch werden die Folterknechte der pro-zaristischen Schwarzen Hundert gleich zu Beginn aktiv … Es gibt ein munteres Hauen und Stechen, manchmal habe ich den Überblick verloren, wer jetzt genau wen und warum …, aber das tat dem rauschhaften Seh- und Lesevergnügen eigentlich keinen Abbruch.

 

Kutscher entwirft in seinem Buch das Berlin der späten Zwanziger als deutsches Pendant zu Chicago. Die Unterwelt ist ebenso gut ausgebaut wie die U-Bahn; es gibt Kokain, Pornografie und den Finsterling Dr. Marlow und mit seinem sinistren chinesischen Assistenten Liang. (»Sein schwarzglänzendes Haar war zu einem langen Zopf gebunden. Undurchdringliche Schlitzaugen schauten sie an. Rath hatte immer gehört, China sei das Land des Lächelns, doch dieser Chinese lächelte nicht.«) Auch die Filmversion ist nicht frei von klischeehaften Darstellungen. Während Rath, wie er im Buch steht, sich eher in Lokalen und schummrigen Bordellen rumtreibt, wird das Berliner Nachtleben in der Serie in Sälen inszeniert. Für mein Empfinden ist alles etwas zu groß, etwas zu grell, etwas zu bunt, um als Abbild der Zwanziger Jahre durchzugehen, als hätten die Filmemacher die Mottoparty einer hippen Großraumdisko abgefilmt. Die authentischen Bilder der »Moka Efti« sehen jedenfalls anders aus als in der Serie. Damals war schon eine Rolltreppe eine Attraktion, ein angeschlossenes Bordell im Kellergeschoss sucht man vergebens. Eine solche Party-Location scheint tatsächlich eher ein Kind des 21. Jahrhunderts zu sein: »Der Stern« bezeichnet das »Moka Efti« der Serie als »Schmelztiegel der Dekadenz und Ausschweifungen« und setzt es mit der Berliner Party-Location Berghain gleich. Die Filmemacher bauen Kutschers literarisches Klein-Chicago also optisch effektvoll zum Sündenbabel Berlin mit Retrocharme um. Die bunten Bilder sind kurzweilig anzusehen und tun nicht weh. Aber sie sind, was Armut und die damals verbreitete Elendsprostitution betrifft, sicherlich kein besonders wertvoller Beitrag zur Geschichtsschreibung. Naja.

 

 

Die Beziehung von Gereon Rath und Charlotte Ritter

Sehr aufschlussreich ist die konträre Zeichnung der Hauptfigur Gereon Rath in Buch und Film sowie seine Beziehung zu Charlotte Ritter. Der Kommissar des Romans ist ein furchtloser Hardboiled Detective, der alleine aus Karrierestreben und Gerechtigkeitssinn in einem Mordfall ermittelt, für den er nicht zuständig ist. Dabei landet er versehentlich mit seiner Vermieterin und absichtlich mit Charlotte Ritter im Bett. Wie ein Bond-Girl aus den frühen sechziger Jahren erliegt sie sofort seinem Charme. Von einer Beziehung auf Augenhöhe kann im Buch keine Rede sein. In einem kurzen Moment der Schwäche sucht Gereon zwar ihre Nähe, lässt sich von ihr aufpäppeln und beherzigt ihren Tipp, beim Polizeipräsidenten reinen Tisch zu machen. Aber ansonsten tut Kommissar Gereon Rath nur, was Kommissar Gereon Rath zu tun hat. Charly Ritter schmollt die meiste Zeit, hat aber als gefühlige Frau seiner Virilität nichts entgegenzusetzen. Und während er mit seiner Zigarette Marke Overstolz im Mundwinkel verwegen durch die Unterwelt streift, studiert sie emsig Jura.

 

Die Film-Charlotte kürzt sich »Lotte« ab und muss sich zunächst einmal von einer Gelegenheitsarbeiterin zur Stenotypistin in der Mordkommission nach oben arbeiten. Sie kommt aus dem Arbeitermilieu und erkauft sich als lebensfrohe junge Frau die sozio-kulturelle Teilhabe am ausschweifenden Berliner Nachtleben, indem sie als Gelegenheitsprostituierte im »Moka Efti« anschaffen geht. Sie ist also nicht weniger verwegen als Gereon und agiert und ermittelt stets auf Augenhöhe mit ihm. Die beiden ergänzen sich in jeglicher Hinsicht, es knistert die ganze Zeit, die erotische Spannung entlädt sich nur kurz in der dritten Staffel. Gereon Rath verkörpert im Film eine fragile und verwundbare Form der Männlichkeit. Er wird als traumatisierter Kriegsheimkehrer gezeichnet, der sich nur durch die Einnahme starker Arzneien stabilisieren kann. Deshalb führt er stets ein Etui mit einem Dutzend Ampullen aus braunem Glas mit sich. Bei Bedarf beißt oder schlägt er so viele davon auf und schüttet sie sich in den Rachen, bis sein Zittern nachlässt. Bezeichnend ist eine der ersten Begegnungen von Gereon und Lotte im Film: Sie findet ihn auf dem Boden liegend, zitternd und schwitzend, völlig handlungsunfähig neben der Klomuschel vor, verabreicht ihm zwei Ampullen und lässt in danach taktvoll allein. Er setzt seine männliche Fassade wieder in Stand, und sie blickt als einzige von Anfang an dahinter.

 

Die Filmemacher konturieren die beiden Hauptfiguren mit großer Entschiedenheit entlang aktueller Leit- und Rollenbilder neu. Charlotte Ritter muss sich im Verlauf der Serie auch prostituieren, um eine dringende medizinische Behandlung ihrer Schwester finanzieren zu können. Die Serie enthält also durchaus auch Sozialkritik und schlachtet sie voyeuristisch aus.

 

 

»Babylon Berlin«: ein Gesellschaftsstück über die Endzeit der Weimarer Republik?

 

»Der nasse Fisch« ist in erster Linie ein Roman über das Innenleben der Preußischen Polizei. Historische Persönlichkeiten wie Karl Zörgiebel und Ernst Gennat werden unauffällig unter die fiktiven Figuren gemischt und suggerieren ebenso Authentizität wie der Verweis auf historische Ereignisse wie den Blutmai. Man erfährt so einiges über den Zuschnitt der Dezernate und die persönlichen Eitelkeiten der Kommissare, Oberkommissare und Kriminalassisenten. Maßgeblich für den Roman-Plot ist die Verfilzung der Preußischen Polizei mit Demokratiefeinden. Diese Verstrickung ist historisch plausibel, hätte die politische Abteilung sauber in alle Richtungen ermittelt, wäre der Reichstagsbrand nicht bis heute ein »nasser Fisch« geblieben. So wird im Buch ein ungelöster Fall genannt. 

 

»Babylon Berlin« ist episch angelegt und möchte mehr sein als das Polizei-Kammerspiel des Buches: eine Erzählung über das Ende der Weimarer Republik. Deshalb treten authentische politische Akteure auf. Konrad Adenauer wird mit der Existenz pornografischen Materials erpresst, Außenminister Stresemann trifft seinen französischen Amtskollegen und findet sein tragisches Ende, Reichspräsident Hindenburg deckt die illegalen Machenschaften der Schwarzen Reichswehr. Was wahr, was plausibel, was denkbar und was erfunden ist, überlassen die Filmemacher den Recherchen des historisch interessierten Publikums. (Fußnote: Die geheime Fliegerschule in Lipesk/Russland, die von Gereon Rath dokumentiert wird, gab es tatsächlich.) Zentral für die Verfilmung ist die fiktive Figur des republiktreuen Regierungsrats Benda, für die es weder in Wirklichkeit und noch im Roman eine Vorlage gibt. Dieser fällt einem langfristig eingefädelten Attentat zum Opfer und wird in der dritten Staffel vom Nazi Gottfried Wendt beerbt. Dadurch wird die Verfilmung mit einer gute Prise NS-Schauer gewürzt. Der Blutmai, der in der Handlung des Buchs keine tragende Rolle spielt, wird in der Serie zu einem breit erzählten Handlungsstrang ausgeweitet, an dessen Ende der Held Gereon Rath Polizeigewalt durch Lügen verschleiert und vor Gericht mit einer Falschaussage der Preußischen Polizei den Rücken stärkt. Damit lehnen sich die Filmemacher weiter aus dem Fenster als der Autor Kutscher. Im Film versagt auch die Judikative. In Wirklichkeit jedoch wurde die Polizeigewalt einfach unter den Teppich gekehrt und nicht gerichtlich aufgearbeitet. Im Film besetzt der Nazi Wendt bereits 1929 eine Schlüsselposition in der politischen Polizei, in Wahrheit bekämpfte die politische Polizei bis zum Preußenschlag 1932 radikale Linke und extreme Rechte. Ist es kleinlich, darauf hinzuweisen?

 

 

 

Rudolf Diels

 

Bei der Recherche zu diesem Artikel bin ich auf Rudolf Diels aufmerksam geworden. Er stieg nach Hitlers Machtergreifung zum Chef der preußischen politischen Polizei und zum ersten Gestapo-Leiter auf, saß aber im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess nicht auf der Anklagebank, sondern schlüpfte in die Rolle des Zeugen und wurde bis zu seinem Tod 1957 vom Land Niedersachsen besoldet. Ich finde die unmittelbare Nachkriegszeit und den Übergang zur Normalität sehr bemerkenswert und hätte mir gewünscht, dass in einer Serie über das Ende der Weimarer Republik die wahre Geschichte von Akteuren wie Rudolf Diels erzählt wird, anstatt authentische Figuren wie Adenauer, Stresemann und Hindenburg abseits der historischen Fakten in reißerischer Form zu fiktionalisieren.

 

Mein persönliches Fazit

 

Wie realistisch sind die Berlin-Bilder, die in der Serie und im Krimi gezeichnet werden? Kommt die biedere »Charly« aus dem Buch der Wirklichkeit näher als die verwegene »Lotte« des Films?Oder haben in der Millionenstadt beide Tür an Tür gelebt? Der Plot ist, zumindest was das Hauen und Stechen um das russische Gold betrifft, eine ziemliche Räuberpistole. Der western-mäßige Babylon-Berlin-Showdown der beiden bewaffneten Männer auf dem fahrenden Zug hatte eine ungewollte Komik, als wollten die Regisseure Actionfilme parodieren.

 

Die Macher von »Babylon Berlin« suggerieren Authentizität, um den NS-Gruselfaktor zu erhöhen. Aber sie opfern die historische Wahrheit bereitwillig für jede noch so billige Effekthascherei. Während Kutschers Krimi »Der nasse Fisch« mir historisch plausibel erscheint und mich inspiriert hat, ist »Babylon Berlin« nach meinem Dafürhalten ein Kessel Buntes mit einer Menge Action, Crime and Romance. In dieser Wundertüte ist für jeden etwas dabei, lediglich die episch angelegte Erzählung über das Ende der Weimarer Republik entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Gangster-Operette mit Hakenkreuz-Deko.

 

Massenwirksame Filme verankern Bilder und Vorstellungswelten in unseren Köpfen und prägen unsere Sicht auf die Geschichte wahrscheinlich mehr, als Historiker es vermögen. Man denke nur an »Schindlers Liste«. Deshalb finde ich es geschichtsvergessen, wenn sich Filmemacher die Freiheit herausnehmen, kommerziell Geschichtsbücher zu Konfetti zu verarbeiten.

 

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