· 

Meine erste Handtasche

Meine Handtasche war früher ein Band aus Schillers gesammelten Werken. Doch dann wurde er recycelt: Das Papier wurde entfernt und die weinroten Buchdeckel mit fliederfarbenem Stoff gefüttert. Dann kamen noch zwei altmodische Knöpfe, ein Magnetverschluss und zwei Henkel dran, fertig war sie, meine formschöne Handtasche. Sie wäre groß genug  für mein Portemonnaie und mein Smartphone. Aber dafür benutze ich sie gar nicht, sondern schaue sie lieber an.

 

Sechs Monate lang habe ich über Schiller meine Abschlussarbeit geschrieben. Das war 2001, damals wäre noch niemand auf die Idee gekommen, Schillers gesammelte Werke zu einer Handtasche umzufunktionieren, Upcycling eben. Damals gab es noch keine Smartphones, sondern Bücherregale, auf denen sich Schillers Werke sammelten. Gut, die Bücherregale gibt es immer noch. Aber die Freude daran, Klassiker draufzustellen, hat spürbar nachgelassen.

 

Für mich waren Schillers gesammelte Werke damals ein Leitstern, monumentales Wissen, ein unumstößliches  Denkmal menschlichen Kulturschaffens: Wie viele Stunden habe ich gebraucht, um mich durch Schillers ästhetische Schriften durchzuarbeiten! Schiller wollte die Menschen dazu erziehen, Sittlichkeit und Sinnlichkeit in Einklang zu bringen, und zwar mit der Kraft der Schönheit. Kann man aber alles auf dem Smartphone nachschauen. Und was die Schönheit betrifft, ist Schiller auch noch im weinroten Handtaschenformat ein tolles Anschauungsobjekt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Klaus (Mittwoch, 01 Mai 2019 09:10)

    Wunderbarer Einfall: ästhetisch (sic!), hintersinnig, sinnlich erfahrbar (sic!) - und auch noch praktisch! Geschäftsmodell? Vielleicht für den Literaturfreund, der schon alles (auf den Regalen) hat, oder für den Partner/die Partnerin desselben, die nach einem guten Geburtstagsgeschenk sucht?